5 Jahre Selbstständigkeit über Stock und Stein

Vor vier Jahren habe ich darüber geschrieben, was ich in einem Jahr Selbstständigkeit alles gelernt habe. Heute denke ich an meinen ehemaligen Chef, nennen wir ihn A., der sich ein paar Jahre vor mir selbstständig gemacht hat, allerdings nicht solo, sondern gleich mit einer Agentur. Als ich ihn einmal zufällig traf, bei einer Veranstaltung im Rahmen von Tanz im August, fragte ich ihn, wie es denn so läuft. „Boah Renata, es ist total schrecklich“, schrie er. Mir gefiel das. Wenn ich andere Leute frage, lautet die Antwort meist: „Du, total o. k., ich hab’ da ein paar echt gute Kunden am Start und arbeite an total spannenden Projekten.“ Das ist schön, sagt mir aber leider gar nichts.

Verzweiflung und Begeisterung – die zwei Seiten der Selbstständigkeitsmedaille

Ich kann mich viel eher mit A. identifizieren. Als A. schrie, war er verzweifelt und begeistert gleichermaßen. Ich bin ebenfalls begeistert und verzweifelt. Begeistert, weil ich hier im von so vielen verhassten und mir heiß geliebten Homeoffice – oder auch mal irgendwo ganz woanders, zum Beispiel in unserem Dorf in Bosnien – ganz in Ruhe mein Ding machen kann. Wenn ich schreibe, lektoriere, übersetze, stelle ich mein Telefon auf lautlos. Beide Telefone, um genau zu sein, Festnetz und mobil. Denn es geht nicht um Leben und Tod und nichts ist so dringend, dass es nicht drei Stunden warten kann. E-Mails lese und beantworte ich auch nur zweimal am Tag. Nur so kann ich konzentriert arbeiten und ich liebe es wirklich sehr, mich zu konzentrieren. Auf Neudeutsch heißt das ja im Flow zu sein. Den Flow stört hier niemand, außer vielleicht die Nachbarin von Gegenüber, die manchmal mittags, ab und zu auch morgens schon, gerne zu grottiger Musik jault.

Und trotz aller Ruhe ist natürlich gar nichts entspannt und es kommt regelmäßig zu Verzweiflung, Panik, Weltuntergangsalarm. Zuletzt aufgrund der unseligen Pandemie, die uns gerade heimsucht. Jetzt bange ich ohnehin schon immer, ob ich genug Aufträge haben werde in den kommenden Monaten, ob ich genug Kohle für die Steuer zurückgelegt habe, ob ich eigentlich die eine Versicherung da aktualisieren müsste und wenn ja, ob sie dann arg viel teurer wird. Und dann kommt Corona und Deutschland entwirft 15.639 Hilfsideen zusammengefasst unter Floskeln wie Bazooka und Rettungsschirm und die Bazooka hat halt doch Rückstoß und der Rettungsschirm Löcher. Auf den ersten Schock, zahlreiche Absagen von alten und neuen Kunden und die Überweisung von der IBB folgte, was ich gerne Ernüchterung nennen möchte.

Wenn endlich die Ernüchterung folgt

Ernüchterung tritt ein, wenn ein Rausch endet. Jetzt ist ein Rausch oft notwendig und oft toll, er kann aber eben auch destruktiv sein, vor allem wenn es sich um einen Verzweiflungsrausch handelt, der durch ein grassierendes Virus und einen verhängten Lockdown verursacht wird. Also werte ich die Ernüchterung in diesem Fall durchaus positiv. Wegbereiter ebendieser waren meine Flamencolehrerin und Marc Aurel. Beide vertreten die These, dass man sich dem Sinn seines Lebens zuwenden, falsche Hoffnungen fahren lassen und sich selbst retten muss. Ich muss mich selbst retten, dachte ich mir, und schritt sofort zur Tat.

Ich muss mich selbst retten sah und sieht bei mir so aus: Ich habe akzeptiert, dass nichts ist, wie es war. Dass ich vielleicht dauerhaft Kunden verlieren werde. Dass ich möglicherweise arbeitslos sein werde, falls sich das Corona-Desaster lange hinzieht und Ersparnisse + Soforthilfe nicht mehr reichen. Es ist wie es ist und es hilft einfach nichts, wenn ich mich da reinsteigere. Was ich auch akzeptiert habe: Es wird Menschen geben, die mir helfen. Es wird auch Kunden geben, die bleiben, und Kunden, die neu dazukommen. So wandlungsfähig ist der Mensch nicht, dass er nur aufgrund einer Krise plötzlich alles ganz anders macht als zuvor (sehen wir ja am Klima). Und wenn ich in meinem Homeoffice ganz in Ruhe mein Ding mache, dann werden die Kunden auch zufrieden sein und wieder was bei mir bestellen.

Zum Schluss bleibt übrig: Dankbarkeit

So war’s dann auch und so kann ich heute trotz Corona den fünften Geburtstag meines Einzelunternehmens feiern. Ich bin mir sicher, dass es in Zukunft genauso holprig weitergeht wie bisher – vor allem aber bin ich mir sicher, dass es weitergeht. Mit guten Kunden und spannenden Projekten und mit nicht so guten Kunden und weniger spannenden Projekten. Denn wenn die Selbstständigkeit eines nicht ist, dann ein Ponyhof. In diesem Sinne danke ich allen, die mich auf diesem Weg begleiten und sich mit mir freuen, wenn ich schreie: „Boah, es ist total schrecklich!“

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