„Acceso“ – unser Opfer ist die Eintrittskarte zur Welt

Im Rahmen des Festivals Internationale Neue Dramatik (FIND) an der Schaubühne Berlin zeigt der preisgekrönte chilenische Filmregisseur Pablo Larraín („Neruda“, „No“) seine erste Theaterarbeit. Den Monolog „Acceso“, mittels dessen die Außenseiterfigur des Sandokan aus ihrem Leben erzählt, hat Larraín zusammen mit dem Schauspieler Roberto Farías entwickelt.

»Acceso« von Roberto Farías und Pablo Larraín, Regie: Pablo Larraín Foto: Sergio Armstrong
»Acceso« von Roberto Farías und Pablo Larraín, Regie: Pablo Larraín
Foto: Sergio Armstrong

Als Farías Saal C betritt, verwandelt er den Raum in eine antike Kampfarena, in der es nach Anstrengung, Schweiß und Alkohol riecht. Der Schauspieler verleibt sich die Figur des Sandokan auf absolute Art und Weise ein und schwitzt und spuckt sie für uns aus. Er schnaubt, brüllt, lacht und schimpft, während er durch die schmalen Korridore des Zuschauerraums marodiert. Immer wieder schlägt er sich mit den Fäusten auf die Brust. Da, da habt ihr es. Erstickt daran. Dieser einer Urgewalt gleichkommende Körper läuft auf Autopilot, Pausen gönnt er sich kaum. Hörte er einmal auf, wäre es das. Dann gäbe es ihn nicht mehr.

Verkäufer durch und durch bietet Sandokan von der chilenischen Verfassung bis hin zum Fußpflegeset alles feil, was Leute eben so brauchen. Er verkauft, was das Leben leichter werden lässt. Und das zu unschlagbar günstigen Preisen. Wer kann da schon Nein sagen. Zwischendurch erzählt er seine Geschichte, von aus dem Bauch der Mutter getretenen Babys und dem Knast, von seiner geopferten Schwester und den Priestern. Die netten Onkel seien die Einzigen gewesen, die sich jemals um ihn gekümmert hätten. Sie seien die Einzigen gewesen, die ihm Zugang zur Welt gewährt hätten, deren Teil auch Sandokan ist und zu der ihm der Zutritt doch verweigert wird. Sie hätten ihn geliebt, und mit der Liebe spielt man nicht.

Der Mensch gewöhnt sich an alles

Dann fickt dich eben jemand in den Arsch. Dafür gibt es Pizza und Cola und coole Sneakers von Adidas. Auch ein Telefon und Fernsehen für die Familie. Und manchmal fickt dich derjenige, der dich liebt, so hart ins Maul, dass dir die Mundwinkel reißen, aber das ist schon in Ordnung. Die Pizza wartet, auch wenn du sie jetzt nicht essen kannst, weil dir die Fresse noch blutet. Aber es ist schon OK. Man gewöhnt sich schließlich an alles. Doch der Zugang bleibt das unerreicht Begehrte und Sandokans Körper befindet sich in einer Dauerschleife der Verausgabung, nur um am Leben zu bleiben und seinen Stolz zu bewahren.

Es ist nicht leicht, Roberto Farías zuzuhören. Er ist sowohl in der Erzählung Sandokans als auch in seiner körperlichen Gewalt unberechenbar. Gerade noch steht er vorne in der Mitte und preist ein zerfleddertes Exemplar der Bibel an, im nächsten Moment lehnt er sich an die Balustrade und flüstert uns Details des Schreckens ins Ohr. Alle Augen sind auf ihn gerichtet, wohingegen manche Seele sich abwendet und sich zu schützen sucht. Es ist nicht nur schwer zu verkraften, was Sandokan erlebt hat. Noch unerträglicher ist die Tatsache, dass dieser Mann kein Opfer ist, sondern sich sein Schicksal jeden Tag aufs Neue zu eigen macht. Und wenn er dadurch zum Täter wird.

Con el amor no se juega.

In einem Moment der Stille, des Verschnaufens, setzt sich Farías / Sandokan zu einer Frau im Publikum. Wortlos bietet er ihr seine Pulle Wein an. Und nun erfolgt, was in der Realität außerhalb des Theatersaals wohl kaum geschehen würde: Die Frau nimmt entspannt einen großzügigen Schluck und reicht ihm die Flasche zurück. Einige Zuschauer lachen, und doch können sie den intimen und intensiven Moment der Zärtlichkeit zwischen Mensch und Mensch nicht stören. Farías / Sandokan nimmt die Hand der Frau, drückt und küsst sie, langsam, lange.

Wie hoch ist der Preis, den wir zahlen?

„Acceso“ ist die erste Theaterarbeit des chilenischen Filmregisseurs Pablo Larraín. Der circa einstündige Monolog basiert auf wahren Ereignissen, die in Chile für große Aufregung sorgten. Doch der Abend weist weit über die Geschehnisse um Priester und andere Bosse der chilenischen Gesellschaft hinaus. Dramaturgisch geschickt eingebettet wirft die zentrale Aussage des Monologs die Fragen auf, die wir uns zu stellen haben: Woran haben wir uns gewöhnt? Welchen Preis zahlen wir, nur um ein paar Krümel des großen Kuchens zu ergattern und uns an ihnen zu laben? In welchem Maße opfern wir uns und diejenigen, die wir lieben, um Zugang zu den Verheißungen der neoliberalen Propaganda zu erhalten?

Bevor Farías seine Ehrenrunde dreht, beschimpft er noch die reichen Deutschen im Publikum, die gekommen sind, sich am Leid Sandokans zu ergötzen. Er greift sich in den Schritt und schwellt die Brust. Die deutschen und nicht-deutschen Zuschauer reagieren mit einem gedämpften hohoho, das sie aus Brust und Kehle pressen. Aus dem Bauch kommt nichts, der ist leer. Da muss noch der Sekt rein, den wir im Anschluss an die Vorstellung trinken, während wir uns wohlwollend zunicken und über den gelungenen Abend parlieren.

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