Provokation für das repressive System

FIND 2017 an der Schaubühne Berlin

Vom 30. März bis zum 9. April 2017 findet an der Schaubühne Berlin das Festival Internationale Neue Dramatik statt, kurz FIND. „Demokratie und Tragödie“ lautet das Motto der diesjährigen Festivalausgabe. Ich habe mich mit dem Dramaturgen Nils Haarmann darüber unterhalten, ob die Demokratie noch lebendig ist und inwieweit das Theater dazu beitragen kann, sie am Leben zu erhalten.

Das Festival Internationale Neue Dramatik soll 2017 im Zeichen von „Demokratie und Tragödie“ stattfinden. Die im Rahmen des Festivals gezeigten Arbeiten knüpfen an die Ursprünge des Theaters als politisches Bewusstsein und Ausdruck des Daseins an. Gibt es denn noch eine Demokratie, oder leiden wir an Phantomschmerzen?

Es ist interessant, wie es überhaupt zu dem Titel „Demokratie und Tragödie“ kam. Es war nämlich nicht so, dass wir das Thema in den Raum gestellt und dann gesucht haben, was dazu passen könnte. Ganz im Gegenteil: Als wir angefangen haben, zu suchen, mussten wir feststellen, dass sich Künstler und Inszenierungen, die wir interessant fanden, offenbar gerade mit den gleichen Fragen umtreiben. Es liegt einfach in der Luft. Auf Phänomene wie Postdemokratie, Neoliberalismus, Kommerzialisierung und die Frage danach, wer in unseren Gesellschaften überhaupt entscheidet und wie, haben auch Arbeiten der FIND-Ausgaben der vergangenen Jahre reagiert. Aber es ist deutlich spürbar, wie sich die Beschäftigung mit diesen Fragen verdichtet und zuspitzt. Das ist in diesem Jahr auf jeden Fall besonders und deshalb war es für uns ganz logisch, im Zusammentragen der verschiedenen Arbeiten auf den Titel „Demokratie und Tragödie“ zu kommen.

Hier am Haus gab es ebenfalls Stücke, in deren Wahrnehmung wir selbst zu spüren bekommen haben, was sich in der Gesellschaft verändert, welche Kräfte erstarken, die nun definitiv die Demokratie bedrohen. Bei „FEAR“ von Falk Richter gab es tatsächlich Angriffe, symbolische Angriffe. Dabei hatten die Angreifer das Stück oft gar nicht gesehen. Sie wollten auch nicht inhaltlich darüber reden. Es ging wirklich darum, symbolisch zu verletzen, dass etwas gesagt werden darf. Das hat sich, würde ich sagen, auf jeden Fall verändert. Da dringt plötzlich wieder eine andere Gewalt an die Oberfläche, findet eine Leere von Demokratie vor, und dringt in diesen Raum mit Tabubrüchen und einer Diskursverschiebung nach rechts vor. Das konnten wir hier ganz konkret in der Theaterarbeit spüren.

»Democracy in America« von Romeo Castellucci Foto: Luca Del Pia
»Democracy in America« von Romeo Castellucci
Foto: Luca Del Pia

Die beim FIND vertretenen künstlerischen Positionen sind jedoch sehr unterschiedlich und beschäftigen sich auch nicht alle nur mit dem Rechtspopulismus oder einem Rechtsruck. Romeo Castellucci wird mit „Democracy in America“ unter Rückbesinnung auf die ersten modernen Demokratien versuchen, einen ganz anderen Blick auf die Demokratie heute zu werfen. So zumindest formuliert Castellucci sein Konzept. Es geht in seiner Arbeit um Alexis de Tocquevilles „Über die Demokratie in Amerika“. Tocqueville hat sowohl die Französische als auch die Amerikanische Revolution miterlebt. Er als Europäer, der die erste Demokratie und ihre Verbindung zur Tragödie im Bewusstsein hat, sieht in der amerikanischen Demokratie eine solche, die „keine Schatten wirft“, die also nur Positivität ist.

Angélica Liddell wirft mit „Toter Hund in der chemischen Reinigung: die Starken“ den Blick auf Rousseau und den von ihm formulierten Gesellschaftsvertrag. Es gibt diesen einen Satz im Stück, dass die Existenz des Staates mit der Existenz des Feindes unvereinbar sei. Liddell legt den Finger also auf den Entwurf von Feindbildern, und darüber hinaus auf die Tyrannei, die von Mehrheitsentscheidungen ausgeht, wie wir es auch im Moment erleben. Sie zeigt außerdem, in welchem Maße es immer schwieriger wird, sich gesellschaftlich überhaupt auf Mehrheiten verständigen zu können.

Christophe Meierhans kommt hingegen ganz konstruktiv auf einen ähnlichen Befund. Er reagiert, indem er fragt: Wie würden sich hundert Menschen einigen, wenn es um das Thema Essen geht? Essen ist durchzogen mit kulturellen, religiösen, ethischen Normen. Es ist von individuellen Präferenzen bestimmt, aber auch von rein physischen, gesundheitlichen. Zudem ist es etwas Soziales, das Menschen zusammenbringt. Meierhans nutzt in „Verein zur Aufhebung des Notwendigen“ die Theaterbühne dazu, eine Fiktion davon zu schaffen, wie wir ein gemeinsames Abendessen organisieren würden.

»Pendiente de voto« von Roger Bernat Foto: BLENDA
»Pendiente de voto« von Roger Bernat
Foto: BLENDA

Roger Bernat wiederum behauptet mit „Pendiente de voto“ das Theater für die Dauer der Aufführung als eine fiktive Öffentlichkeit, eine Art fiktives Parlament, bei dem wir ständig abstimmen müssen. Wir müssen uns entscheiden, wir müssen uns ausdrücken, wir müssen auch miteinander streiten. Er versucht, auf einer kleinen Ebene wieder das herzustellen, was gerade im Großen nicht funktioniert. Dieser Befund zieht sich durch alle Arbeiten. Es lässt sich nicht darauf reduzieren, dass es einen Rechtspopulismus gibt, der die Demokratie bedroht. Das Problem geht deutlich tiefer und weiter.

»Sei, wer du nicht bist« Konzept und Regie: Saman Arastou Foto: Babak Haghi
»Sei, wer du nicht bist« Konzept und Regie: Saman Arastou
Foto: Babak Haghi

In „Sei, wer du nicht bist“, dem Gastspiel aus dem Iran von Saman Arastou, stellt der transsexuelle Regisseur und Schauspieler seine Hochzeitsnacht nach und wird von zwei weiteren Schauspielerinnen immer wieder in ein Brautkleid gezwungen. Diese in höchstem Maße autobiografisch geprägte Theaterarbeit ist letztlich ein stummes Ritual. Sie kommt ohne Worte aus, dauert 45 Minuten, ist aber von einer unglaublichen Brutalität und Grausamkeit. Sie gibt vergleichbar der attischen Tragödie all dem eine Bühne, was nicht sein darf, was gesellschaftlich tabuisiert ist, was keinen Ort hat. All das Verdrängte, das in einer Gesellschaft immer auf irgendeinem Weg wieder ans Tageslicht kommt, bringt Arastou auf die Theaterbühne. So fügt sich auch diese Produktion in das FIND-Programm.

„Tristesses“ von Anne-Cécile Vandalem ist dagegen ein Stück, das sich ganz konkret mit dem Rechtspopulismus auseinandersetzt. Es spielt auf einer Insel, auf der die Menschen in totaler und sinnloser Melancholie, ja Traurigkeit leben. Vandalem selbst spielt eine rechtspopulistische Politikerin, die kurz davor ist, an die Macht zu kommen. Dennoch ist „Tristesses“ eine Komödie. Vandalem nimmt sich die Distanz von einer anderen Seite und reagiert auf das, was im Moment das Bedrohlichste oder Düsterste ist, mit Humor. In den Medien ist die Hysterisierung gegenüber dem Rechtspopulismus groß. Satire und Humor sind aber probate Mittel, damit umzugehen oder darauf zu reagieren.

»Tristesses« Konzept, Text und Regie: Anne-Cécile Vandalem Foto: Christophe Engels
»Tristesses« Konzept, Text und Regie: Anne-Cécile Vandalem
Foto: Christophe Engels

Das sind also einige der verschiedenen Positionen. Ich würde sagen, die Blickwinkel sind weiter gefasst und nicht nur ein Reagieren auf das Hier und Jetzt, wie es beispielsweise in den Medien zu sehen ist. Da wird immer noch viel mit Hysterie gearbeitet oder eben mit der immer gleichen Maschinerie, die auch der Populismus nutzt. Populisten brechen Tabus, rudern dann zurück, die mediale Empörung ist groß, alle reden nur noch über den Tabubruch. Im Hintergrund jedoch werden plötzlich Gedanken mehrheitsfähig, die vorher undenkbar waren. Und der Diskurs verschiebt sich immer weiter.

Die Frage ist glaube ich nicht, ob Theater überhaupt etwas bewirken kann, ob es Einfluss besitzt, Durchschlagskraft beweist, Katharsis ermöglicht. Es hat sich allerdings im Vergleich zu seinen Ursprüngen stark verändert. Das Publikum ist zum größten Teil stumm, und nur ein minimaler Teil der Gesellschaft hat überhaupt Zugang zum Theater. Kann das Theater zu seinem Ursprung zurückkehren, wenn ihm nicht mehr der Stellenwert in der Öffentlichkeit zugestanden wird, den es in der attischen Polis innehatte?

Interessanterweise gibt es im Rahmen von FIND 2017 gleich zwei Arbeiten, die das Publikum zum Hauptakteur machen („Pendiente de Voto“ und „Verein zur Aufhebung des Notwendigen“, Anm. d. Red.). Egal, wer das Publikum ist, diese Menschen sind ein Körper. Sie müssen das Drama ausagieren, für Entscheidungen einstehen, Verantwortung übernehmen. Da nehmen die Theatermacher die Bühne, die Fiktion per se ermöglicht, und konfrontieren eine Gruppe von Menschen mit sich selbst.

Ich würde mir gerade bei diesen beiden Arbeiten wünschen, dass möglichst viele und möglichst unterschiedliche Leute die Vorstellungen besuchen. Christophe Meierhans’ „Verein zur Aufhebung des Notwendigen“ habe ich in Bern gesehen. Da war der gesellschaftliche Ausschnitt noch viel kleiner als sonst im Theater. Es saßen leider, muss man fast sagen, nahezu ausschließlich zivilisierte, nette, brave Berner Theatergänger im Publikum. Wünschenswert wäre natürlich gewesen, dass es in irgendeiner Weise Unterschiede gibt, die es auch gesellschaftlich gibt, und dass diese durch die Zubereitung des Essens zum Vorschein kommen. Immerhin gab es große Altersunterschiede, das hat zu Konflikten geführt. Meierhans versucht, in jeder Stadt möglichst lange Serien zu spielen. Denn je länger er spielt, desto gewöhnlicher wird das Publikum und desto interessanter werden die Vorstellungen. In Montreuil östlich von Paris hat er glaube ich zehn Vorstellungen gespielt. Am Ende saßen Menschen mit komplett unterschiedlichen Ansichten über das Essen zusammen und es ist geclasht, immer und immer wieder. Da ist natürlich der Wunsch schon da, dass man das schafft.

»Verein zur Aufhebung des Nozwendigen« von Christophe Meierhans, Konzept und Regie: Christoph Meierhans Foto: Lucca Mattei
»Verein zur Aufhebung des Nozwendigen« von Christophe Meierhans, Konzept und Regie: Christoph Meierhans
Foto: Lucca Mattei

Wie weit man es erreicht oder wie weit man gehen kann, das Publikum zu erreichen, ist immer die Frage, aber das sollte man sich auf jeden Fall wünschen. Sonst geht man bei einem Theaterpublikum und speziell bei einem Festivalpublikum davon aus, dass es relativ homogen sei. Wenn man die gesellschaftliche Spaltung betrachtet, sind Theatergänger noch relativ vereint. Das ist nicht nur schlecht. Ich finde, es muss Orte geben, die eine Art Hafen darstellen, wo man an Austausch interessiert ist. Es geht nicht darum, im Konsens dazusitzen. Die meisten Inszenierungen im Rahmen des diesjährigen Festivals sind nicht darauf ausgelegt, einen Konsens zu erreichen. Selbst Anne-Céciles Komödie verwendet keine Pointen, um kollektive Lacher zu erzielen.

Es ist trotzdem so, dass das Theaterpublikum im Moment der gesellschaftlichen Spaltung zwischen den irgendwo Liberalen und den Völkisch-Autoritären klar zu verorten ist. Es ist auch wirklich interessant, dass in jedem System, in dem das Kräfteverhältnis zugunsten der Völkisch-Autoritären kippt, alle Orte der freien Rede, des freien Nachdenkens attackiert werden. Die Universität, die Presse und das Theater sollen auf Linie gebracht, zensiert, oder durch Unterfinanzierung kleingehalten werden. Es geht dabei nicht nur um die vermittelten Botschaften. In einer Rückbesinnung auf die Ästhetik oder auf das Eigengesetzliche von Kunst liegt anscheinend schon genug Provokation und Unerträgliches für ein repressives System.

Es war beispielsweise lange gar nicht klar, ob wir die Produktion aus dem Iran einladen können. In Zusammenarbeit mit dem deutschen Goethe Institut und dem Auswärtigen Amt haben wir versucht, die Ausreisegenehmigung zu organisieren. Daneben stellte sich aber immer die Frage, ob das gefährlich für die Theaterleute ist, wenn sie hier spielen und dann wieder in den Iran zurückkehren. In diesem Fall ist das Theater, oder sind vielmehr die Theatermacher, ganz real bedroht.

„The Gabriels“ von Richard Nelson aus New York ist auch ein interessanter Fall. Der letzte Teil hatte am amerikanischen Wahlabend Premiere, an dem noch keiner wusste, wie die Wahl ausgehen würde. Da kommt die Tragödie der Politik ins Spiel: Wäre der Wahlabend anders ausgegangen, wäre Nelsons Arbeit einfach eine nette Trilogie. Sie wäre ein Zeitdokument, welches das Unwohlsein einer sich gesellschaftlich nahestehenden Gruppe dokumentiert. Jetzt ist „The Gabriels“ aber ein Dokument der Tragödie, in die die amerikanische Gesellschaft letztlich unwissend hineingeschliddert ist. Hier hat das Theater die Funktion des Hafens. Es ist eine Anlaufstelle für das Publikum, ein Ort, an dem man noch eine Art von Auseinandersetzung mit dem Populismus stattfinden kann.

»The Gabriels: Election Year in the Life of one Family. Teil 1: Hungry« von Richard Nelson, Regie: Richard Nelson Foto: Joan Marcus
»The Gabriels: Election Year in the Life of one Family. Teil 1: Hungry« von Richard Nelson, Regie: Richard Nelson
Foto: Joan Marcus

Im Verlauf des Festivals werden auf jeden Fall unterschiedliche Positionen zu sehen sein. Es wird Abende geben, an denen eher Gleiche vor Gleichen sprechen, wie bei Richard Nelson. Es wird aber auch das Andere von der Bühne sprechen. Angélica Liddell versucht wirklich, dem Publikum das absolut Andere vorzusetzen und es damit zu konfrontieren. Alle Figuren in ihrem Stück sind absolute Tabubrecher. Sie sind nicht gespiegelt noch spiegeln sie, womit ich mich als Zuschauer im Positiven identifizieren kann. Liddells Stück ist eine Dystopie, in der alles Unsichere und Fremde ausgeschaltet ist. Obwohl es nicht formuliert wird, geht es konkret um den Islam und um Muslime. Es ist also eine Welt nach dem Völkermord, in der die Menschen im Wahnsinn, im Inzest leben. Liddell hat das Stück 2007 geschrieben, als die Paranoia nach dem 11. September und Themen wie Grenzen, Sicherheit und Überwachung Auftrieb erhielten. Leider ist das Stück heute noch viel glaubwürdiger als zu seiner Entstehungszeit. Liddell zeigt deutlich auf, welches der Preis ist, den wir für diese vermeintlich errungene Sicherheit zahlen.

Das Theater geht Risiken ein: emotionale Risiken, ästhetische Risiken, in der Darstellung des Anderen, auch in der Provokation. Dennoch bewegt es sich zumeist in einem abgesicherten Rahmen und ist zu weit entfernt von den realen Risiken der Menschen, oder einzelner Bevölkerungsgruppen. Zwei Produktionen im Rahmen des diesjährigen FIND kommen ohne Sicherheitsabstand aus. „Sei, wer du nicht bist“ erzählt die Geschichte eines transsexuellen Theatermachers, der schon allein aufgrund seiner Person realen Risiken ausgesetzt war und ist. Für „Tijuana“, eine Arbeit des mexikanischen Künstlerkollektivs Lagartijas tiradas al sol, ging der Gründer und künstlerische Leiter Gabino Rodríguez ganz bewusst ein reales Risiko ein. Er schleuste sich, getarnt als einfacher Arbeiter, in eine Fabrik in Tijuana ein.

Rodríguez bezieht sich explizit auf die Arbeit des Journalisten und Schriftstellers Günter Wallraff. Schließlich ist er kein einfacher Fabrikarbeiter, sondern nimmt lediglich diese Rolle ein. Er eignet sich die Rolle dessen an, der keine Repräsentanz hat und keine Fürsprecher, der arbeitet, der arm ist. In der Grenzstadt Tijuana arbeiten die Menschen für einen Mindestlohn, der wirklich ein Hungerlohn ist. Als Rodríguez in der Fabrik arbeitet, erlaubt es ihm sein Lohn nicht einmal, eine eigene Wohnung oder auch nur ein Zimmer zu mieten. Er schläft in einem Bett, das jemand vermietet, der es während seiner eigenen Schicht nicht braucht. Er ist also ein Schlafgänger. Er hat seine Schichten in der Fabrik, schläft, und geht wieder arbeiten. Während der Arbeit könnte er auch gar nicht nach Hause, denn er hat kein Zuhause.

»Tijuana« von Lagartijas tiradas al sol Foto: Escensas do cambio
»Tijuana« von Lagartijas tiradas al sol
Foto: Escensas do cambio

Für diese Recherchearbeit, die er schließlich künstlerisch verwertete, musste Rodríguez allen Kontakt zu seiner Familie und Freunden abbrechen, da es tatsächlich gefährlich gewesen wäre, aufzufliegen. Wären diese beiden Realitäten, die nichts miteinander zu tun haben, aufeinandergetroffen, wäre er faktisch in Gefahr geraten. Wie soll man das auch erklären? Da spielt jemand und macht daraus einen Theaterabend. Was soll jemand dazu sagen, der unter den gleichen Umständen in Tijuana lebt und in der Maquiladora arbeitet, aber kein Schauspieler ist? Ein anderer Risikofaktor ist der relative Bekanntheitsgrad Rodríguez’. Er hat Kinofilme gedreht, ist ein bekannter Schauspieler – markantes Aussehen, charismatischer Typ. Im Laufe seines Experiments wurde es langsam gefährlich, es drohte, aufzufliegen. Und das hätte eindeutig zu Gewalt geführt.

Er musste die Recherche tatsächlich abbrechen, weil irgendwas darauf hindeutete, dass er entdeckt würde?

Zum Teil. Es gab immer wieder brenzlige Momente und er stellte sich die Frage, wie lange er das noch durchhalten könne. Der Plan war eigentlich, deutlich länger in der Fabrik zu arbeiten, als er es letztendlich getan hat. Es ist aber auch so, dass er körperlich krank geworden wäre und es einfach nicht mehr geschafft hätte. Das ist die Realität der Arbeitswelt, die ein Risiko oder eine Bedrohung enthält. Nur hat Rodríguez im Vergleich zu den anderen Arbeitern das Privileg oder den Luxus, dass er sein Experiment abbrechen kann. Und genau darum geht es. „Tijuana“ ist ein Essay, in dem Rodríguez hinterfragt: Wer bin ich, dass ich dieses Experiment als Künstler mache und dieses Material generiere, aber gleichzeitig darüber hinauskann? Das ist auf jeden Fall ein extremer Versuch, mit einer anderen Wirklichkeit in Kontakt zu kommen.

Es gibt aber noch zwei weitere Arbeiten, die ich eher in der Tradition des In-Your-Face-Theaters sehe. „Acceso“ und „Iphigenia in Splott“ beschäftigen sich mittels Schauspielertheater, mittels einer geformten literarischen Sprache, die aber absolut mit Wirklichkeit angefüttert ist, aus nächster Nähe mit realen sozialen Problemen.

»Acceso« von Roberto Farías und Pablo Larraín, Regie: Pablo Larraín Foto: Sergio Armstrong
»Acceso« von Roberto Farías und Pablo Larraín, Regie: Pablo Larraín
Foto: Sergio Armstrong

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín hat den Theatermonolog „Acceso“ gemeinsam mit seinem Schauspieler Roberto Farías entwickelt. Später kam dann noch der Film „El Club“, der auf diesem Monolog basiert. Farías ist ein Ausnahmeschauspieler: Er erzählt die Geschichte mit seinem ganzen Körper und erfindet eine absolut glaubhafte Figur eines auf der Straße lebenden, mehr oder weniger auf der Straße aufgewachsenen Mannes. Die Geschichte basiert auf einem realen Fall, der Chile sehr aufgerüttelt hat. Jedenfalls wird Farías’ Figur als Kind von der Straße geholt, gerät zusammen mit anderen Kindern, auch seiner Schwester, in eine Art Kinderhändler-Prostitutionsring, wird von katholischen Priestern und Leuten aus der Oberschicht missbraucht, bevor er sich schließlich befreien kann. Es folgen Drogen und Kriminalität, und er sehnt sich zurück in die vorherige Phase. So ist es auch in dem Film „El Club“, wo er eigentlich nur eine Nebenfigur ist, da es um die Perspektive der Täter geht. „Acceso“ jedoch vermittelt die Perspektive des Opfers. Wobei es ein unglaublich aggressiver Monolog ist, und auf der Bühne keinesfalls ein Opfer steht. Farías’ Figur ist ein Verkäufer, der von Fußpilzmitteln bis hin zur chilenischen Verfassung alles feilbietet. Dieser Mann hat eine komplett eigene Stimme.

»Iphigenia in Splott« von Gary Owen, Regie: Rachel O'Riordan Foto: Mark Doeut
»Iphigenia in Splott« von Gary Owen, Regie: Rachel O’Riordan
Foto: Mark Doeut

In „Iphigenia in Splott“ (Text: Gary Owen, Regie: Rachel O’Riordan, Cardiff, Anm. d. Red.) geht es um Effie, eine moderne Iphigenie. Dieses Sozialdrama hat einen Bezug zur Antike, zum Mythos, eben zu Iphigenie, die geopfert wurde, damit die Schiffe des Vaters gute Winde haben. Effies Monolog wirft die Frage auf, welche Opfer der neoliberale Sozialstaat bringt. Schauplatz ist ein walisisches Arbeiterviertel, wo der Alltag der jungen, arbeitslosen Effie von Alkohol, Drogen und relativ bedeutungslosem Sex dominiert wird. Eines Tages lernt sie einen Soldaten kennen, der in Afghanistan sein Bein verloren hat. Sie erlebt leidenschaftliche Liebe und denkt: Der ist es! Und es klappt nicht. Sie erzählt uns, wie es ist, diese unmögliche Liebe zu leben. Mittels Schauspielertheater, mit einer absolut umwerfenden Wucht erzählt sie eben auch nicht das Opfer, sondern ein Subjekt.

Diese beiden Stücke kommen aus völlig unterschiedlichen Kontexten, haben da aber eine inhaltliche und formale Nähe. Es verbindet sie das unglaublich Nahe, dass man einer einzelnen Person buchstäblich ausgesetzt ist, einer Person, die einen als Zuschauer nicht schont.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview ist die bearbeitete Version eines Live-Interviews vom 12.03.2017.

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